1951 Vater als Notarzt

1951 Vater als Notarzt

1951 wurde Vater schnell zu einem Sterbenden gerufen. Aufgeregte Nachbarn waren zu uns gelaufen und berichteten, dass der Wirt des Stadtviertels keine Luft mehr bek�me und im Stiegenhaus vor seiner Haust�re zusammengebrochen sei. Schnell griff Vater seine Bereitschaftstasche ich fragte, ob ich mitgehen d�rfe. Ich war acht Jahre alt und trug seine Tasche, da er mit seinem im Krieg verletzten Knie kaum humpeln konnte.

Im Eilschritt rannten wir mit der Melderin ca. 200 m zum Unfallort. Im Stiegenhaus standen Neugierige und die weinende, schreiende Ehefrau.

Ihr Mann war tiefblau und zuckte. Die Frau schrie: � Ist er tot, ist er tot?� Schnell brachte ihn Vater in Seitenlage und beatmete ihn. Er bat mich, eine Spritze zu richten. Die sterilisierten Glasspritzen waren in Chromdosen. In der Dunkelheit des Treppenflurs, der Hetze und vor den Augen der Gaffer war es sehr schwer, schnell und steril zu arbeiten.

Die Ampulle f�r den Kreislauf war schwer zu finden. Zu viele Ampullen waren in der un�bersichtlichen Dose zwischen Watte. Aber Vater fand sie in der Dunkelheit blind. Es half nicht mehr. Als er seine Bem�hungen eingestellt hatte, tr�stete er die Ehefrau und erledigte die Formulare.

Zuhause erz�hlte er mir von dem Toten, der Hitlers Fahrer war und der danach nichts mehr zum Leben hatte. Einmal hatte ich bei ihm aus seiner Wirtschaft im Ma�krug Bier f�r meine Eltern geholt. Er war sehr lieb zu mir.

Wochenlang fragte ich Papa, wann ein Arzt was machen muss, wenn das Leben bedroht ist. Er erz�hlte unz�hlige Beispielevon Angeschossenen im Krieg, die er als wehrpflichtiger Arzt versorgt hatte.

Die Notarzt-Tasche habe ich seither stets sauber eingerichtet, beschriftet und mit einer mechanisch druckbaren Taschenlampe ausger�stet. Sie half uns noch �fter.

Notarzt war damals stets der Hausarzt. Klinikaufnahme konnte nur der Hausarzt erm�glichen und bis dahin musste der Patient einen stabilen Kreislauf haben.

Seither wusste ich, dass es mein Ziel war, dass die Erstversorgung Schwerkranker viel besser geregelt werden sollte.